Expertenchat «Herausforderungen in Zeiten der Covid-19-Krise»

Expertenchat Aktionstage Psychische Gesundheit

Aufgrund der aktuellen Lage mit Covid-19 konnte der Vortrag «Herausforderungen in Zeiten der Covid-19-Krise» nicht wie geplant am 27. Oktober stattfinden. Stattdessen wurde ein Expertenchat angeboten. Das Protokoll ist untenstehend einzusehen.

Folgende Expertinnen und Experten gaben Auskunft

Dr. med. Angelo Bernardon
Klinikleiter und Chefarzt, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, PDAG
Nicole Friedrich
Leiterin Fachstelle für Angehörige, PDAG
Belén Vazquez
Fachleiterin Psychologie, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, PDAG

Fragen und Antworten

Die Expertenrunde ist beendet.
Die PDAG danken allen Interessierten sowie den Experten, die sich die Zeit genommen haben, die Fragen zu beantworten.

Frage: Ist es zumutbar (resp. ab welchem Alter), dass man Kinder bei einer allfälligen Covid-Erkrankung isoliert von der Familie?
Belén Vazquez: Die Frage kann nicht mit einem klaren Ja oder Nein beantwortet werden. Es ist von vielen Faktoren abhängig, ob ein Kind im Falle einer Covid-Erkrankung isoliert werden kann. So ist z.B das psychische Wohlbefinden, der Entwicklungsstand aber auch, ob es ein Verständnis für die aktuelle Situation und die Massnahmen hat, entscheidend. Wichtig ist, mit dem Kind über die Situation zu sprechen und ihm altersgerecht zu erklären, weshalb gewisse Massnahmen eingesetzt werden müssen und das Kind in einer solchge Situation eng zu begleiten.   

Frage: Ab welcher Intensität und Dauer von Antriebslosigkeit, Rückzugstendenzen und/oder anderen Zeichen einer eventuellen Depression ist als Elternteil zu handeln?
Angelo Bernardon: Wenn Sie den Eindruck haben ihr Kind leide an einer Depression sollten sie in jedem Fall eine Fachperson aufsuchen, die im Rahmen der professionellen Abklärungen feststellt ob eine Erkrankung vorliegt. Es wäre wichtig zu wissen wie alte Ihr Kind ist und ob es bereit ist Ihnen mitzuteilen warum sich sein Verhalten verändert hat und darüber zu sprechen wie es ihm geht. Wenn Alltagsaktivitäten wie zB. der Schulbesuch, Kontakte zu Peers und die Durchführung sonst als angenehm erlebter Aktivitäten/Hobbys eingeschränkt sind, oder nicht mehr möglich sind, besteht akuter Handlungsbedarf!

Frage: Die Schutzmassnahmen sind sehr wichtig. Aber diese müssen auch richtig zur Anwendung kommen. Gibt es einen Youtubefilm oder so, wie man zum Beispiel die Maske richtig anzieht oder wie man richtig die Hände desinfiziert? 
Angelo Bernardon: Ich meine ich zu erinnern dass es auf der Homepage des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) dazu eine Anleitung und auch einen Kurzfilm gibt.

Frage: Die Maske erschwert es den Menschen die Mimik und Stimmung des Gegenüber zu deuten. Inwiefern beschränkt Sie das in einer Therapie Sitzung? 
Belén Vazquez: Das Tragen von Masken stellt in sozialen Situationen sicher eine Herausforderung dar. Auch in den Therapiesitzungen wo wir stark auf die Mimik des Gegenübers achten, sind wir sicher mit einer neuen Situation konfrontiert, die von uns als Therapeuten eine Anpassungsleistung verlangt. Ein offener Umgang in den Sitzungen mit diesem Thema hilft jedoch, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen, beziehungsweise ein Verständnis beim Gegenüber zu fördern. Da wir alle davon betroffen sind, ist das Verständnis Seitens der Patienten hoch. 

Frage: Der Vater meines Gottenmädchens (5,5 J.) arbeitet zuhause (selbstständig) und ist mittelschwer depressiv. Ich habe mir während des 1. Lockdowns Sorgen um sie gemacht, weil sie das viel stärker mitbekommen hat, da sie viel zuhause war (kein Kindergarten, keine Krippe). Was kann ich für sie tun?
Nicole Friedrich: Sie können das Gespräch mit dem Vater des Mädchens suchen und ihn ermutigen, dass er seine Tochter altersgemäss über seine Depression informiert. Man weiss, dass es Kinder von möglichen Schuldgefühlen entlastet, wenn sie altersgerecht über die psychische Belastung eines Elternteils informiert sind. Eine Depression kann beispielsweise als Traurig-Krankheit bezeichnet werden. Es gibt gute Kinderbücher zum Thema Depressionen, welche genutzt werden können für das Gespräch mit den Kindern. Wenn betroffen Eltern sich das Selber nicht zutrauen kann dies eine andere Bezugsperson übernehmen. Für weitere individuelle Beratung können sie sich oder der betroffene Vater an die Fachstelle für Angehörige wenden. Ausserdem freut sich ihr Gottimädchen sicher über weitere Begegnungen mit ihnen als Gotte.

Frage: Haben Sie praktische Tipps, damit sich Kleinkinder weniger vor Menschen mit Masken fürchten? Auch wenn wir Maske tragen, mag sie das gar nicht und beginnt schnell zu weinen. Unsere Tochter ist 11 Monate alt.
Belén Vazquez: Die aktuelle Situation ist eine Herausforderung für alle, besonders aber die Kinder sind aktuell gefordert, weil sie Vieles noch nicht verstehen können. Ein spielerischer Umgang mit der Maske kann beispielsweise helfen, um dem Kind die Angst davor zu nehmen. Ruhige und besänftigende Worte Seitens der Eltern kann dem Kind Sicherheit vermitteln und signalisieren, dass die Situation nicht bedrohlich ist. 

Frage: Was sind die Herausforderungen in Zeiten der Covid-19-Krise?
Angelo Bernardon: Das ist die abendfüllende Frage für die Heute ursprünglich geplanten Veranstaltung. Es gibt hier mehrere Themenkreise hier nur eine Auswahl: 

  • der Umgang mit der Angst vor der Erkrankung
  • Unsicherheiten und Sorgen betreffend der Zukunft und den Folgen der Covid-19 Krise
  • Wahrnehmung der Entwicklungsaufgaben von Heranwachsenden 
  • Akzentuierung von internalisierenden (depressiven, ängstlichen) und externalisierenden Verhaltensweisen
  • Einschränkungen von sozialen Kontakten und Aktivitäten
  • Innerfamiläre Belastungen durch zB. (drohenden) Arbeitsplatzverlust
  • Verzögerte Inanspruchnahme von Hilfe bei Psychischen Leiden und deren Verschlechterung

Und einige mehr, wir wollten natürlich auch die Teilnehmenden in die Beantwortung der Frage miteinbeziehen.
 

Frage: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der Selbstwahrnehmung von Jugendlichen und psychischen «Beschwerden»? Oder kann eine starke Selbstwahrnehmung gar als eine Art Immunsystem für psychische Stabilität gelten?
Belén Vazquez: Die Selbstbeobachtung kann zur Aufrechterhaltung der psychischen Gesundheit beitragen und ist eine entscheidende Intervention in der Therapie. So kann zum Beispiel eine innere Anspannung frühzeitig wahrgenommen und schneller darauf reagiert werden, ohne dass es zu einer Krise kommt.

Frage: Gibt es Menschen die besonders gefährdet sind, in solch einer Zeit psychische Störungen zu entwickeln?
Angelo Bernardon: Tatsächlich können psychosoziale Belastungen zum Entstehen von psychischen Erkrankungen beitragen. Das ist beispielsweise bei der Depression als Erkrankung gut untersucht. Erschwerend kann hier zusätzlich die Einschränkung von Sozialkontakten und der Wegfall von Aktivitäten, die für Freude oder Ausgleich sorgen, hinzukommen.

Frage: Wie können Ereignisse wie die Covid-19-Krise das psychische Befinden von Heranwachsenden und deren Entwicklung beeinflussen?
Nicole Friedrich: Kinder und Jugendliche reagieren ganz unterschiedlich auf die aktuelle Situation. Die Covid-19-Krise kann bei  Kinder und Jugendliche Ängste und Sorgen auslösen. Während schwieriger Zeiten profitieren Kinder und Jugendliche von Sicherheit, Aufmerksamkeit und Zuwendung ihrer Eltern und Bezugspersonen. Erwachsene, die zuhören, Fragen beantworten helfen den Kindern das ganze Geschehen einzuordnen. Entspannte Spielzeiten, eine altersentsprechende Freizeitgestaltung und ein strukturierter Tagesablauf wirken stabilisierend in unsicheren Zeiten. Das Thema Covid-19 sollte auch immer wieder zur Seite gestellt werden, besonders bei Kindern, welche mit Ängsten zu kämpfen haben. Zuversichtliche Eltern und Bezugspersonen wirken unterstützend. Kinder und Jugendliche brauchen Freunde, es soll dehalb auch darum gehen zu schauen, wie diese Freundschaften weiter gepflegt werden können. Dabei können die neuen Medien eine Unterstützung sein, welche Jugendliche schon selbstverständlich nutzen.

Frage: Wie kann ich die Resilienz meiner Kinder stärken? In welcher Beziehung stehen Resilienz und Selbstregulation?
Belén Vazquez: Eine offene Kommunikation mit Ihrem Kind über Probleme sowie das gemeinsame Suchen nach Lösungen in herausfordernden Situationen sind wichtige Faktoren, um einen Umgang mit Krisen zu fördern. Auch das Gespräch über Stärken und Ressourcen ist wichtig, um sich vor Augen zu führen, was Ihr Kind kann und auf was es in herausfordernden Situationen zurückgreifen kann. Als Eltern ist es wichtig, dem Kind Halt zu geben und ihm zu vermitteln, dass man ihm zutraut, mit Herausforderungen umgehen zu können.   

Frage: Denken Sie, dass uns ein nächster Lockdown der Grundschulen bevorsteht?
Angelo Bernardon: Was sich als Erfahrung aus dem letzten Frühjahr ergibt, ist, dass die Möglichkeit zur Fortsetzung des Unterrichts und in Kontakt mit den Peers zu bleiben sehr bedeutsam für die Kinder ist. Welche Entscheidungen jedoch nun konkret getroffen werden, kann ich nicht vorhersagen.

Frage: Ich bin daran interessiert, mich in Studien einzulesen, die sich mit stressbedingten Krankheiten bei Jugendlichen beschäftigen. Könnten Sie mir evtl. eine aufschlussreiche Studie empfehlen? 
Angelo Bernardon: Es gibt eine grössere Anzahl von Arbeiten die sich mit der Thematik «psychosozialer Stress» befassen. Da es bereits einige Literaturanfragen gibt, werden wir im Nachgang zu diesem Chat eine Literaturliste zur Verfügung stellen.