Chronische Depression: Bericht von Walter R.
«Entscheidend war: Alles hatte einen roten Faden. Das hat mir geholfen.»
Walter R. ist ein Schaffer. Sein ganzes Leben lang bringt er Hochleistung im Job. Und er trägt Sorge zu seinen Mitmenschen und der Umwelt. Erschöpft fällt er immer wieder in ein Tief. Er holt sich Hilfe, die ihm aber nichts bringt. Freunde bringen ihn schliesslich in den Notfall der PDAG. Während er auf der Kriseninterventionsstation ist, wird der Aufenthalt auf der CBASP-Station organisiert. «Meine Rettungsstation», nennt sie Walter R. «Mir hätte im Leben nichts Besseres passieren können.»
Zur Vorgeschichte
Ich bin ein liebevoller, hilfsbereiter Mensch, der sich (zu) viele Gedanken um seine Mitmenschen und die Welt gemacht und immer für die gute Sache gekämpft hat. Ich habe ich in vielen Berufen gearbeitet, weil ich immer Neues entdecken und erfahren will. Unter anderem war ich Rettungssanitäter und Luftfahrzeugmechaniker und habe in renommierten Unternehmen gearbeitet. Die Tätigkeiten haben hohe Anforderungen an mich gestellt, jedes Jahr musste ich Prüfungen bestehen, gut bestehen. Und ich habe auch an mich selbst immer hohe Ansprüche gestellt – Weiterbildungen, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit waren mir sehr wichtig, so bin ich erzogen worden, und ich wollte meinen Job nicht nur gut machen, sondern perfekt. Dieser hohe Anspruch an mich selbst hat mich auch belastet. Immer wieder bin ich in ein Tief gefallen und habe mich selbst wieder herausgezogen. Die Angst, den Job wegen einer nicht bestandenen Prüfung zu verlieren, war weiterhin da. Dazu kamen körperliche Belastungen durch Schichtdienst, Schlafstörungen wegen Apnoe, meine Scheidung und der Suizid meines Vaters. Aber nicht die Arbeit hat mich krank gemacht oder die anderen Sachen, sondern meine Art, damit umzugehen. Ich sage dem auch nicht Krankheit, sondern Charakter. Es sind meine Eigenschaften. Ich habe mir einfach immer viel zu viele Gedanken um alle und alles gemacht.
Irgendwann habe ich meinem Arbeitgeber ehrlich gesagt, dass es mir nicht gut geht, weil ich die Menschen, die mir anvertraut waren, und meine Kolleginnen und Kollegen schützen wollte. Ich hatte Angst, einen fatalen Fehler zu machen. Im längeren Verlauf hat der Arbeitgeber die Kündigung ausgesprochen. Mit Burnout kam ich in eine Klinik in einem anderen Kanton, eine von vielen, wurde entlassen, ohne dass mir die Therapien geholfen haben, immer das gleiche Spiel. Ich war krankgeschrieben, habe noch mehr Therapien gemacht, am Ende kam dann die IV.
Eintritt und Behandlung bei den PDAG
Meine Freunde hatten grosse Angst um mich. Sie brachten mich auf den Notfall der PDAG in Windisch. Ich wurde untersucht, und die Ärzte diagnostizierten eine chronischen bzw. anhaltende/wiederkehrende Depression. Ein paar Tage lang bin ich auf der Kriseninterventionsstation geblieben.
Danach wurde ich auf der CBASP-Station KPP-7 aufgenommen. Ich bin überzeugt, dass es gerade das spezielle CBASP-Verfahren war, das mir geholfen hat. In den Rollenspielen konnte ich meine Gedanken, Ängste und mein Verhalten nicht nur reflektieren, sondern ich habe in der Sache gemerkt, dass es meistens anders ist, als ich es mir gedacht habe, dass ich mir ganz umsonst den Kopf darüber zerbrochen habe, wie es sein könnte. In der Gruppe waren wir unter uns, ich konnte ungeniert ausprobieren, Sachen anders zu machen. Das hat mir Mut gemacht, auch ausserhalb der Klinik Neues zu probieren. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht. «Just do it!» ist mein Schlachtruf aus dieser Zeit. Natürlich mache ich manchmal auch weniger gute Erfahrungen, aber die hauen mich nun nicht mehr um. Denn ich habe gelernt, wie ich reagieren muss. Ausserdem fand ich die Bewegungs- und Sporttherapie sehr hilfreich. Das ist übrigens weit mehr als nur Malen oder Spazierengehen! Auch hier haben wir miteinander darüber gesprochen, was wir machen, was mit mir passiert.
Ganz entscheidend war, dass bei CBASP alles einen roten Faden hatte. Das war der grosse Unterschied zu allen anderen Therapien, und das hat mir sehr zu meiner Genesung geholfen. Bei CBASP waren alle Therapien und Gespräche aufeinander abgestimmt, waren im gleichen System, und das ganze Team aus Ärzten, Psychologen und Therapeuten hat an einem Strick gezogen. Ausserdem bin ich zum ersten Mal verstanden worden, was für ein Mensch ich bin, welchen Charakter ich habe. Das hat mir geholfen, mich selbst zu verstehen, mich zu analysieren, zu akzeptieren, zu verstehen, wovor ich Angst gehabt habe. Und ich habe gelernt, wie man das praktisch macht, im Hier und Jetzt leben. Ich habe Werkzeuge an die Hand bekommen, wie ich es praktisch umsetze, dass mich meine besonderen Eigenschaften nicht mehr belasten. Ich bin vom Denken ins Tun gekommen. Mein selbst entworfener persönlicher Lebensspruch lautet: Mit Gedanken sterben Taten, mit Taten leben Gedanken.
Wie geht es Walter R. heute?
Heute bin ich glücklich und zufrieden. Ich lebe wieder in einer eigenen Wohnung und baue mir mein Leben neu auf. In Behandlung bin ich ambulant, aber es geht so gut, dass die Abstände zwischen den Gesprächsterminen immer länger werden. Wenn es weiter gut läuft, möchte ich mich gerne ehrenamtlich sozial engagieren. Heute lebe ich im Hier und Jetzt. Die Vergangenheit, meinen Rucksack, habe ich immer dabei, aber heute weiss ich, was ich tun muss, damit die Steine, die drin sind, leichter werden. Ich habe es selbst in der Hand, meine Gedanken zu ändern. Ich bin wieder handlungsfähig. In meinem Leben würde ich nichts anders machen, aber ich würde es mit mehr Demut, Dankbarkeit und Liebe machen. Jeder Mensch ist doch auf die eine oder andere Art verrückt, die einen gesellschaftlich akzeptiert, die anderen nicht. Aber die, die durch ein Tief hindurchgegangen sind, sind die Einzigen, die etwas aus ihrem Leben gelernt haben. Ich wünsche mir, dass wir dafür nicht abgestempelt werden.